Die Nacht, in der Brazzano Vergangenheit und Zukunft verlor

Die Nacht, in der Brazzano Vergangenheit und Zukunft verlor

LA TRADUZIONE

Die Nacht, in der Brazzano Vergangenheit und Zukunft verlor

Di Mattia Zucco • Pubblicato il 20 Nov 2025
Copertina per Die Nacht, in der Brazzano Vergangenheit und Zukunft verlor

Ein 32-jà¤hriger Bayer, der ins Collio à¼bersiedelt ist und eine 83-Jà¤hrige, die dieses Land nie verlassen hat: Beide vereint in der Tragà¶die des Erdrutsches am Monte Quarin, die Brazzano das raubt, was es war und was es werden wollte.

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Erst heute, nach dem tragischen gestrigen Tag ohne Zeit zum Nachdenken, wird mir klar, was der Ausdruck „ein Stà¼ck von sich selbst verlieren” wirklich bedeutet. Ich habe fà¼nfundzwanzig Jahre lang in Brazzano gelebt. Ich kenne die bleierne Stille dieses Dorfes nach Sonnenuntergang, sobald die Lichter der Kirche San Giorgio auf dem Hà¼gel angehen und es scheint, als wà¼rde die Zeit stillstehen. Ich kenne das Gerà¤usch der Schritte auf dem Kopfsteinpflaster, den Geruch des Mosts im Herbst, den langsamen Rhythmus der Tage, die einander alle gleichen und gerade deshalb beruhigend sind. Und ich dachte, ich wà¼rde auch den Hà¼gel à¼ber Brazzano kennen, der uns seit jeher schà¼tzt und prà¤gt.

Gestern Nacht wurde mir klar, dass ich diesen Hà¼gel keineswegs kenne. Dreihundertzweiundsechzig Millimeter Wasser in sechs Stunden. Das ist nicht bloàŸ eine Niederschlagsmenge: Es ist vielmehr der Himmel, der sich mit einer Gewalt à¼ber die Erde ergieàŸt, die kein Wettermodell vorhergesagt und keine Warnung angekà¼ndigt hat. Es ist die Treppe der Kirche, die sich in einen Wasserfall verwandelt, es ist der Bauch des Berges Quarin, der sich à¶ffnet und Schlamm, Steine und Erinnerungen ausspuckt. Es ist das Ende zweier Leben, die in dieser Nacht nicht hà¤tten enden dà¼rfen. Nicht so, nicht in diesem gemeinsamen Schicksal, das den 32-jà¤hrigen Bayern und die 83-jà¤hrige Frau aus Brazzano in einer Tragà¶die verbindet, deren Handlung zu grausam scheint, um wahr zu sein.

Quirin Kuhnert und Guerrina Skocaj. Ihre Namen hallen heute in allen nationalen Zeitungen wider, reduziert auf Opfer einer Klimastatistik, auf Zahlen in einem amtlichen Katastrophenbericht. Aber fà¼r uns, die wir in diesem Dorf leben, sind sie etwas anderes. Sie waren das Bindeglied, sie waren das Vorher und Nachher dieser Gemeinschaft, sie waren der lebende Beweis dafà¼r, dass Brazzano nicht bloàŸ ein Ort auf der Landkarte, sondern eine existenzielle Entscheidung ist.

Guerrina war dreiundachtzig Jahre alt. Sie auf ihr Alter zu reduzieren ist wie einen Baum zu beschreiben, indem man seine Jahresringe aufzà¤hlt. Sie lebte in dem Haus, das dem Hà¼gel am nà¤chsten war, gegenà¼ber der Kirche San Lorenzo Martire. Sie war eine jener Persà¶nlichkeiten, die einen Ort ohne groàŸe Gesten prà¤gen: die Dame, die aus dem Fenster grà¼àŸte, die die Geheimnisse der Jahreszeiten und die Namen aller Familien kannte, die sah, wie sich Brazzano Generation fà¼r Generation verà¤nderte wà¤hrend sie stets dieselbe blieb.

Ihr Haus stand seit jeher dort, thronte auf dem Hang, als wolle es der Schwerkraft und der Zeit trotzen. Dreiundachtzig Jahre ihres Lebens, von denen sie wer weiàŸ wie viele in diesem Haus verbracht hatte, um die Welt aus demselben Fenster zu betrachten. Dreiundachtzig Winter, dreiundachtzig Frà¼hlinge. Sie hatte nie das Bedà¼rfnis gehabt, wegzugehen, etwas anderes zu suchen. Brazzano reichte ihr, so wie es denen reicht, die verstanden haben, dass Glà¼ck keine Frage der Bewegung, sondern der Verwurzelung ist.

Wenn ich an Guerrina denke, denke ich an Kontinuità¤t. An die stille Treue zu einem Ort, den sie sich ausgesucht hatte oder - vielleicht umgekehrt – von dem sie gefunden worden war. Ich denke an all die Stà¼rme, die dieses Haus erlebt, an all die Unwetter, denen es standgehalten hatte. Und ich denke an die abgrundtiefe Ungerechtigkeit, dass genau dieses Haus, genau in dieser Nacht, zu einer Falle wurde.

Ich fà¼rchte, in den nà¤chsten Tagen wird niemand viel à¼ber Guerrina sprechen. Die Berichterstattung wird sich auf den deutschen Helden konzentrieren. Zu Recht – seine Tat verdient es. Aber Guerrina war nicht nur die Frau, die gerettet werden musste. Sie war ein ganzes Leben, sie war die lebendige Erinnerung dieses Landes, sie war eine von uns. Die Tatsache, dass sie in ihrem Haus gestorben ist, an dem Ort, an dem sie sich wahrscheinlich am sichersten auf der Welt fà¼hlte, ist eine Grausamkeit, die keiner weiteren Beschreibung bedarf.

Quirin hingegen war das Gegenstà¼ck zu Guerrina: Er war die Bewegung, das Anderswo, der Fremde, der sich dafà¼r entscheidet, hier in Brazzano heimischer zu werden als die Einheimischen. ZweiunddreiàŸig Jahre alt, gebà¼rtiger Bayer, mit Wahlheimat in den Hà¼geln. Seit zwanzig Jahren kam er hierher auf Urlaub, angezogen von etwas, das à¼ber die Postkartenmotive des Collio hinausgeht. Vielleicht war es der spezielle Rhythmus, oder das besondere Licht, in dem diese Hà¼gel bei Sonnenuntergang leuchten, oder vielleicht einfach die Tatsache, dass sich die Menschen noch mit Namen kennen und auf der StraàŸe stehen bleiben, um zu plaudern.

Im Februar dieses Jahres traf er eine Entscheidung, die viele als verrà¼ckt bezeichnet hà¤tten: Er verlieàŸ Deutschland, seine Karriere, sein sicheres Umfeld, um den alten Lebensmittelladen von Toni Bon zu à¼bernehmen. Der Laden war nach Tonis Tod seit là¤ngerem stillgelegt. Seine SchlieàŸung hatte eine kollektive Trauer ausgelà¶st und war eines dieser Zeichen, dass Dà¶rfer sterben. Quirin hatte ihn mit einem Namen wiedererà¶ffnet, der ein Manifest war: „Buon Sapore”. Kein trendiger Name, kein modisches Label. Einfach das Versprechen, etwas Authentisches an einen Ort zurà¼ckzubringen, dem das Authentische in der DNA liegt.

„Ich mà¶chte einen Treffpunkt fà¼r die Gemeinschaft schaffen“, hatte er gesagt und genau das gemacht. Innerhalb weniger Monate war der Laden wieder zu dem geworden, was er immer gewesen war: ein Ort, an dem man sich trifft, an dem man mehr als nur Waren austauscht. Wo ein Stà¼ck Kà¤se vom Bauern nebenan zum Anlass fà¼r ein Gesprà¤ch wird, wo der Tourist entdeckt, dass das wahre Collio nicht in den glà¤nzenden Weinhandlungen zu finden ist, sondern in der Person eines Metzgers, der die Geschichte jedes Stà¼ck Fleisches kennt und erzà¤hlt.

Quirin hatte etwas verstanden, was viele Italiener vergessen haben: diese Dà¶rfer sind keine Museen, die in Formaldehyd konserviert werden mà¼ssen, sondern lebende Organismen, die neues Blut brauchen, damit ihr Herz weiter schlagen kann. Er, ein Deutscher, ein Bayer, ein Fremder, war zum Hà¼ter einer Identità¤t geworden, die nicht seine Geburtsidentità¤t war, sondern die er sich selbst gewà¤hlt hatte. Und das ist eine noch stà¤rkere, noch wahrhaftere Form der Zugehà¶rigkeit.

In der Nacht von Sonntag auf Montag à¶ffnete sich der Himmel à¼ber Brazzano mit urwà¼chsiger Gewalt. Die Warnstufe war gelb, die Gefahr als mà¤àŸig eingestuft. Aber die Natur schert sich nicht um unsere Kategorien oder um unsere bà¼rokratischen Sicherheitsstufen. In sechs Stunden wurde mehr Wasser à¼ber diese Hà¼gel geschà¼ttet, als manche Wà¼sten in einem ganzen Jahr sehen.

Quirin war natà¼rlich wach. Er hatte sogar ein Video in den sozialen Medien gepostet, das die Treppe der Kirche zeigte, die sich in einen reiàŸenden Wasserfall verwandelt hatte. Aus dem Video ging keine Angst hervor, sondern vielmehr fast kindliches Staunen à¼ber die Kraft der Natur. Er konnte nicht wissen, dass diese Bilder seine letzte Botschaft an die Welt sein wà¼rden.

Irgendwann wurde ihm und Jessica klar, dass ihr Haus nicht mehr sicher war. Sie liefen ins Freie und brachten sich in Sicherheit. Der rationale Teil der Geschichte endet hier: Beide waren in Sicherheit, das Schlimmste lag hinter ihnen.

Aber Quirin hatte offenbar eine andere Vorstellung davon, was es bedeutet, gerettet zu sein. Vielleicht weil er ein Deutscher war, der sich als Italiener fà¼hlte, vielleicht weil er sich fà¼r Brazzano entschieden hatte und damit auch fà¼r die Einwohner von Brazzano, vielleicht weil er einfach so war – er traf eine Entscheidung, die die meisten von uns im Nachhinein als heroisch bezeichnen wà¼rden, die er aber vermutlich fà¼r selbstverstà¤ndlich und notwendig hielt.

Er kehrte um.

Er klopfte an die Tà¼r einer anderen Nachbarin, weckte sie und zwang sie barfuàŸ und im Pyjama in den Regen hinauszulaufen. Er rettete sie! Dann ging er weiter und kletterte zum Haus von Guerrina hinauf, dem am stà¤rksten exponierten, dem am meisten gefà¤hrdeten. Er schaffte es nicht. Der Berg, den er so geliebt, dass er ihn zu seinem Zuhause gemacht hatte, verschlang ihn und begrub ihn unter Tonnen von Schlamm und Felsen.

Es dauerte zwà¶lf Stunden, um ihn zu finden. Zwà¶lf Stunden, in denen das ganze Dorf den Atem anhielt, in denen die Bagger gruben und wir alle wussten – im Inneren wussten wir es bereits – wie das Ende sein wà¼rde. Aber wir hofften weiter, weil es das Einzige war, was wir angesichts des Unmà¶glichen tun konnten. Als gestern um 17:30 Uhr Quirins Leiche geborgen wurde, brach etwas in diesem Dorf endgà¼ltig zusammen. Es war nicht nur ein Todesfall. Es war der Tod eines Traums, es war der Beweis, dass Gà¼te nicht schà¼tzt, dass die Liebe zu einem Ort nicht vor seiner Wut rettet. Weitere fà¼nf Stunden fà¼r Guerrina. Um 22 Uhr wurde sie unter denselben Trà¼mmern geborgen, die denjenigen getà¶tet hatten, der ihr zu Hilfe geeilt war. Dieses Schicksal hat etwas schrecklich Shakespearehaftes: die alte Frau, die in ihrem Dorf verwurzelt war, und der junge Mann, der sich fà¼r dieses Dorf entschieden hatte, vereint im Tod durch denselben Schlammstrom, durch denselben verrà¼ckten Berg.

Heute wird an der Kreuzung der Via San Giorgio, wo jedes Jahr der Weihnachtsbaum aufgestellt wird, eine Gedenkstelle fà¼r Quirin eingerichtet. Jessica wird zusammen mit anderen versuchen, das Geschà¤ft zu reinigen – auch wenn „reinigen” ein unangemessenes Wort ist, um zu beschreiben, was man tut, wenn Kubikmeter Schlamm nicht nur ein Geschà¤ftslokal, sondern auch einen gerade erst entstandenen Traum begraben haben. Die Blumen werden weiter vorne an der Kreuzung aufgestellt, wo mehr Platz ist und wo alle stehen bleiben kà¶nnen.

Wenn wir an Quirin denken, mà¼ssen wir auch an Guerrina denken. Denn dies ist nicht nur die Geschichte eines auslà¤ndischen Helden, der stirbt, um eine alte Frau zu retten. Es ist die Geschichte zweier Lebenswege, die sich im dunkelsten Moment kreuzen, es ist die Geschichte eines Dorfes, das gleichzeitig seine Vergangenheit und seine Zukunft verliert.

Guerrina war das, was wir waren. Quirin war das, was wir werden wollten: ein offener Ort, der diejenigen anzieht und hà¤lt, die sich dafà¼r entscheiden, uns zu lieben. Zusammen verkà¶rperten sie das unmà¶gliche Gleichgewicht, das jede kleine Gemeinschaft verzweifelt sucht: ihre Wurzeln zu bewahren und gleichzeitig Neues aufzunehmen, ihre Identità¤t zu bewahren und gleichzeitig lebendig zu bleiben. Es gibt eine Frage, die mich und viele andere quà¤lt: Hà¤tte Quirin umkehren sollen? Hatte er das Recht, sein Leben zu riskieren? War diese letzte Geste, dieser Sprint zu Guerrinas Haus, notwendig?

Die rationale Antwort lautet nein. Er war bereits in Sicherheit. Er hatte genug getan, indem er eine andere Person gerettet hatte. Niemand verlangte mehr von ihm. Niemand hà¤tte sich berechtigt gefà¼hlt, ihn zu verurteilen, wenn er bei Jessica in Sicherheit geblieben wà¤re.

Aber die wahre Antwort, die in uns brennt und die definiert, wer wir wirklich sind, lautet ja. Ja, er musste es tun. Nicht aus einem abstrakten Pflichtgefà¼hl heraus, nicht aus filmischem Heldentum, sondern weil die Entscheidung fà¼r einen Ort und das Bekenntnis „das ist mein Zuhause, das sind meine Leute“, verpflichten. Man ist verpflichtet, nicht wegzuschauen, wenn die Nachbarin in Gefahr ist. Man ist verpflichtet, im Einklang mit der Gemeinschaft zu handeln, die man sich zu eigen gemacht hat.

Quirin ist fà¼r diese Konsequenz gestorben. Und die Tatsache, dass er gestorben ist, um jemanden zu retten, den er nicht retten konnte, ist ein zusà¤tzlicher Schmerz, eine Grausamkeit in der Grausamkeit. Aber seine Tat bleibt. Sie bleibt als MaàŸstab dafà¼r, was es wirklich bedeutet, zu einem Ort zu gehà¶ren, was es bedeutet, nicht nur die StraàŸen und schà¶ne Aussichten gewà¤hlt zu haben, sondern auch die Menschen, mit allem, was das mit sich bringt.

Diese Tragà¶die wirft Fragen auf, die à¼ber die unmittelbare Trauer hinausgehen. Warum gab es nur eine gelbe Warnung, obwohl es wie aus Eimern schà¼ttete? Warum gibt es fà¼r die à¤ltesten Hà¤user, die am stà¤rksten gefà¤hrdet sind, keine ausgefeilteren Warnsysteme? Warum investieren wir in einem so gefà¤hrdeten Gebiet wie dem unseren nicht mit derselben Dringlichkeit in Prà¤vention wie in NotfallmaàŸnahmen?

Aber heute ist nicht der Tag fà¼r Polemik. Heute ist der Tag der reinen Trauer, die keine Erklà¤rungen sucht, weil sie weiàŸ, dass es keine gibt. Es ist der Tag, an dem Brazzano in den Spiegel schaut und zwei Là¼cken sieht, die nicht gefà¼llt werden kà¶nnen. Quirins Geschà¤ft wird geschlossen bleiben, und jedes Mal, wenn wir daran vorbeigehen, werden wir die Last dieses heruntergelassenen Rollladens spà¼ren. Guerrinas Haus ist mit ihr verschwunden, begraben unter dem Hà¼gel, der dreiundachtzig Jahre lang Kulisse und Schutz gewesen war.

Ich schreibe „verschwunden”, weil „gestorben” zu gewaltsam, zu endgà¼ltig erscheint fà¼r eine Frau, die so sehr Teil der Landschaft war wie die Olivenbà¤ume und die Weinreben. Guerrina ist nicht gestorben: Sie wurde von der Erde, auf der sie gelebt hatte, auf eine Weise wieder aufgenommen, die wir uns niemals gewà¼nscht hà¤tten.

Heute Nacht habe ich nicht geschlafen. Ich dachte an Quirin, der im Regen rennt, an Guerrina, die ein Klopfen an der Tà¼r hà¶rt und weiàŸ, dass es kein Hà¶flichkeitsbesuch ist, an den Berg, der sich spaltet und einstà¼rzt. Ich dachte an den genauen Moment, in dem das Leben zum Tod wird, an den Bruchteil einer Sekunde, in dem Mut zu Tragà¶die wird.

Ich dachte an Jessica, die ihren Partner zurà¼ckrennen aber nicht mehr wiederkommen sah. An die Last, die sie ihr Leben lang tragen wird: den Stolz, einen Helden geliebt zu haben, und den qualvollen Schmerz, ihn wegen genau dieser Eigenschaft verloren zu haben. Ich dachte an Guerrinas Familie und daran, dass sie wahrscheinlich erwartet hatten, dass ihr Leben langsam und natà¼rlich zu Ende gehen wà¼rde, nicht so, nicht mit dreiundachtzig Jahren im Schlamm begraben.

Ich dachte an das grausame Paradoxon, dass oft die Besten zuerst sterben, wà¤hrend die Mittelmà¤àŸigen in Sicherheit bleiben. Ich dachte daran, dass Quirin zweiunddreiàŸig Jahre alt war und ein ganzes Leben vor sich hatte, aber statt es zu leben, gab er es in einer Nacht hin.

Was bleibt nach einer solchen Tragà¶die? Es bleibt ein kleineres und à¤ngstlicheres Dorf, das sich seiner Zerbrechlichkeit bewusster ist. Es bleibt eine Ecke der Erinnerung, in der wir Blumen niederlegen werden, die vergehen, so wie Quirin und Guerrina vergangen sind. Es bleibt ein geschlossenes Geschà¤ft, das noch Jahrzehnte lang geà¶ffnet hà¤tte sein sollen. Es bleibt ein eingestà¼rztes Haus, das dreiundachtzig Jahre lang ein Fels in der Brandung war.

Aber es bleibt auch noch etwas anderes, etwas, das schwieriger zu fassen, aber ebenso real ist: Es bleibt das Vorbild. Es bleibt der Beweis, dass Heldentum noch existiert, auch wenn es diejenigen tà¶tet, die es praktizieren. Es bleibt der Beweis, dass die Zugehà¶rigkeit zu einem Ort keine Frage von Dokumenten oder Abstammung ist, sondern eine Frage der Entscheidung und der Konsequenz. Quirin Kuhnert war gebà¼rtiger Deutscher, Guerrina Skocaj seit jeher Brazzaneserin – beide starben als Bà¼rger von Brazzano. Beide verkà¶rperten auf tragische Weise, was es wirklich bedeutet, Teil einer Gemeinschaft zu sein: bleiben, sich kà¼mmern, nicht wegsehen.

Heute werden Blumen an der Kreuzung der Via San Giorgio niedergelegt. Der Laden wird aufgerà¤umt, auch wenn alle wissen, dass er nie wieder à¶ffnen wird, nicht so, nicht ohne Quirin. Man wird sich umarmen, weinen, nach Worten suchen, die es nicht gibt, um diese Leere zu beschreiben.

Und dann, in den kommenden Tagen, mà¼ssen wir uns entscheiden: Lassen wir uns von dieser Tragà¶die là¤hmen oder machen wir sie zu einem Neuanfang? Quirin hatte sich entschieden, hier zu investieren, an Brazzano zu glauben, obwohl viele von uns die Hoffnung auf eine Zukunft des Ortes verloren haben. Die beste Art, ihn zu ehren ist nicht nur, seiner zu gedenken, sondern das fortzusetzen, was er begonnen hat: dieses Dorf am Leben zu erhalten, diejenigen willkommen zu heiàŸen, die ein Teil davon sein wollen, und diejenigen zu schà¼tzen, die hier leben.

Und Guerrina erinnerte uns mit ihrer diskreten und bestà¤ndigen Prà¤senz daran, dass dieser Ort gerade deshalb etwas wert ist, weil es Menschen gab, die ihm ihr ganzes Leben gewidmet haben. Die Art und Weise, sie zu ehren, besteht darin, nicht zu vergessen, weiterhin eine Gemeinschaft zu sein, in der à¤ltere Menschen nicht unsichtbar sind, in der man sich beim Namen kennt, in der eine 83-jà¤hrige Nachbarin nicht nur eine Nummer in einem Haus ist.

Heute Nacht hat der Berg zwei Menschenleben gefordert. Eines, das sich bewusst dafà¼r entschieden hatte, hier zu leben, und eines, das aus Treue hier geblieben war. Zwei unterschiedliche Leben, die jedoch durch dasselbe Band verbunden waren: die Zugehà¶rigkeit zu Brazzano, diesem kleinen Dorf unterhalb des Monte Quarin, das heute um seine Toten trauert und sich fragt, wie es weitergehen soll.

Quirin und Guerrina werden nicht zurà¼ckkommen. Aber was sie uns gelehrt haben – er mit seiner letzten Geste, sie mit ihrem ganzen Leben – wird bleiben. Das Vermà¤chtnis der beiden wird in den Blumen bleiben, die verwelken, und in denen, die danach kommen werden. Es wird in der Art und Weise bleiben, wie wir uns von nun an ansehen werden, bewusster, wie zerbrechlich wir sind und wie sehr wir einander brauchen. Es wird in diesem Winkel der Welt bleiben, den beide auf unterschiedliche Weise bis zum Ende geliebt haben. Fà¼r immer dankbar. Fà¼r immer in Trauer. Fà¼r immer Brazzano. 

Traduzione di Christine Casapicola dell'articolo di Mattia Zucco (clicca qui).

Foto di Chiara Panzera

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